Ein Sommermärchen…

Die Harfe steht unter einem Orangenbaum. Auf der Bühne rankt der Wein, vollgepackt mit reifen blauen Trauben, von der Bühnendecke herab. Auf den Hollywood-Schaukeln, die zu Hauf im Garten verteilt stehen, liegen die JSOler und halten Siesta. Sofern sie nicht am Strand in das türkisblaue Meer gesprungen sind, in welches man quasi unmittelbar gegenüber des Gartentores hineinfällt. Die Grillen sind stete Nachbarn, die irgendwie auf Knopfdruck um 8.30 Uhr angeschaltet und um 22 Uhr wieder abgeschaltet werden. Die Klänge sind betörend, da freut man sich über jegliche Unterbrechung mit Blasmusik aus dem Kellergewölbe oder den elektronischen Beats aus dem Zimmer der „Engel“. So muss der Garten Eden aussehen. Was für ein schöner Ort Erde und was für ein Glück, dass wir hier sein dürfen.

„Same procedure every day“ – was in Mecklenburg der Hahn und in Bayern die Kirchenglocken (Länder sind willkürlich ausgesucht) sind hier unsere Freunde die Zikaden. Sie begrüßen den Tag und begleiten den Sonnenaufgang, der ungleich schneller vonstattengeht, als in unseren Breitengraden. Die ersten wagemutigen JSOler – plus Dirigent – steigen in die Laufschuhe und joggen den Strandabschnitt entlang, verfolgt von den ersten, jedoch bereits stechenden, Sonnenstrahlen. Da ist es kein Wunder, dass der eine oder andere in die kühlen Schatten der Seitenstraßen ausweicht. Und dann ist der Tag eröffnet. Aus den vielen verschiedenartigen Appartements und Bungalows kriechen die JSOler fast schlafwandelnd in Richtung kühles Nass. Der Sprung in ein strahlend blaues Wasser – der alltägliche Start in den Tag.

Und auch dann bleibt es idyllisch. Auf geht’s zum Frühstück ins benachbarte Hotel. Die Sonnenterasse ragt ins Meer hinaus. Unser auf Holz-Pfählen gebauter Outside-Frühstücksraum – ein Traum. Lediglich durchsichtige Planen schützen vor Sonne, Wind und Wasser. So wird schon das Frühstück zum Erlebnis. Und spätestens jetzt glaubt man, im Urlaub angekommen zu sein – wenn nicht Proben und Konzerte einen immer wieder sanft aber konsequent in die Realität zurückholen würden. Wenn die Uhr 11 schlägt, verwandelt sich der „Garden Eden“ in einen blühenden Konzertsaal. Die täglichen Proben stehen an, ein Muss, sonst lassen sich gewohnte Qualität und Kondition nicht vereinen. Der Garten hat zwei schattige Bühnen und bietet mehr oder weniger Raum für das Orchester. Aber da wird improvisiert. Eine Gabe, die wir hier in Griechenland mentalitätsbedingt oft einsetzen müssen, aber auch das ist Abenteuer pur.

Der Tag nimmt seinen Lauf und mündet Abends in einem Konzert im mehr oder weniger dichten Umkreis von Selianitika. Und wenn ein Tempel unterwegs auf dem Weg liegt – oder auch 100 km entfernt – dann nehmen wir ihn mit. Mühsam werden am Bus-Mikrofon die Göttergenerationen auseinandergenommen. Naja, da lesen wir doch lieber noch einmal nach und siehe da, die JSOler entwickeln sich zu antiken Profis. Dann endlich am Konzertort angekommen, gern auch mal 30 Minuten nach Konzertbeginn, was aber hier auch kein Thema ist, denn die Besucher kommen noch später, nehmen wir unsere zumeist naturell gestalteten Podien in Empfang. Für Anspielproben bleibt wenig Zeit, denn da muss ja auch noch ein Essen zwischengeschoben werden. Und wie fast jeden Tag gibt es original griechische Küche – nämlich Spaghetti mit Tomatensoße, Spaghetti Bolognese oder Spaghetti Carbonara… aber die nächsten Tage locken mit griechischer Hausmannskost.

Zu Konzertbeginn hat sich dann die Temperatur auf immerhin 32°C abgekühlt. Da darf schon mal ein Holzbläser in sämtliche Richtungen abgehen. Holz und Lack der Streicher werden geschmeidig, selbst die Bögen entwickeln ein kurioses Eigenleben. Da zeigt sich dann schon die Allwetter-Tauglichkeit des Bleches – übrigens in allen Lebenslagen. Die Schlagwerke bauen gern auf und ab und ab und auf. Und wenn sie die Noten dann doch gefunden haben, rumst es doch ganz schön. Das JSO wie es leibt und lebt. Und es wird, je nachdem, wie sich Gesichtszüge und Dirigierstab mit dem Orchester vereinen, schnell klar, welche Länge die nächste Probe haben wird. Aber: die Konzerte haben ein tolles Ambiente, mal ist es das Ufer eines Meersees, mal der Palmengarten, mal der Parkplatz oder eben der Anger eines mittelalterlichen Schlosses. Ein Traum.

Ja, mehr gibt es momentan nicht zu erzählen. Alle sind wohlauf und gesund. Und wenn das Gesicht sich nicht verzerrt, weil der Sonnenbrand auf dem Rücken trotz mehrerer Schichten Sonnencreme schmerzt, dann sehen die Augen glücklich und zufrieden aus. Es liegt das gleiche schöne zwischenmenschliche Klima über dem Orchester wie in jedem Sommer. Danach formt sich das Orchester jedes Mal neu, musikalisch und menschlich.

Das hier ist ein Sommermärchen, unser eigenes Sommermärchen.

P.S.: inklusive Voll- und Playbackfassung von „Griechischer Wein“, intoniert mit kleinen Textschwierigkeiten im Bus II, der eigentlich Bus I ist…

Ron-Dirk Entleutner – Dirigent