Großartiger Konzertauftakt

Dienstag, 18.02.2014: Noch etwas kaputt von den gestrigen musikalischen Anstrengungen hatten wir heute noch ein letztes Mal die Möglichkeit, Downtown Chicago zu besichtigen. Das war auch gut so, denn dieses Mal machte uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung. Von einem Tag auf den nächsten verwandelte sich der Schneesturm in mildes Tauwetter. Bei strahlend blauem Himmel genossen einige von uns die Aussicht in Cafés in über 400 m Höhe, gingen einkaufen, bewarfen sich mit Schneebällen, oder vertrieben sich anderweitig die Zeit beim Schlendern zwischen den imposanten Towern.

Zurück in Evanston ging es nach kurzer Regeneration am frühen Nachmittag in die Pick-Staiger-Concert-Hall um am letzten Feinschliff für unser erstes Konzert mit dem Chor der Northwestern University zu feilen. Obwohl uns allen dann für dieses Konzert immerhin zwei Stunden intensive Proben in den Knochen steckten, war das Ergebnis umso erstaunlicher.

Der erste Teil, der von unserem Dirigenten Ron-Dirk Entleutner geleitet wurde, begann zunächst mit Mendelssohns kleiner Kantate „Verleih uns Frieden gnädiglich“. Erst die Bässe, dann die Alt-Stimmen, schließlich der gesamte Chor, so fügte sich der Gesang in das sinnliche Spiel des Orchesters.

Genauso musikalisch intim setzte sich der Abend fort, mit dem „Hymnus der Liebe“, einer späten Tondichtung für Bariton und Orchester von Max Reger. Dieses Werk, welches anfänglich in den Reihen der Musiker nur schwer greifbar schien, wirkte nun berührend durch die Ruhe, die das Orchester dem Stück gab, und durch den sensiblen Part des Baritons Nathaniel Hall. Anschließend, nun endlich auch mit Unterstützung des tiefen Blechregisters, zelebrierten wir die Akademische Festouvertüre von Johannes Brahms. Feierlich, beschwingt und mit viel Elan gespielt, war es der perfekte Abschluss zur Pause.

Der Höhepunkt sollte aber erst nach ebendieser Pause folgen: Gemeinsam mit dem Universitätschor, seinem Leiter Donald Nally sowie dem Bariton Kevin Krasinski stand Samuel Barbers Spätwerk „The Lovers“ auf dem Programm. Es war quasi das amerikanische Pendant zum „deutschen“ Hymnus der Liebe und zeigte dadurch die Verbindung von deutschen und amerikanischen Musikern.

Barber vertonte für das Werk neun Gedichte aus einem Zyklus von Pablo Neruda, dessen Texte verschiedenste Stationen der Liebe behandeln und alle mehr oder weniger anzüglich sind. Dies lässt sich bei Satz-Titeln wie „Body of a Woman“ oder „Cemetery of Kisses“ ja schon erahnen. Dadurch ergibt sich im groß besetzten Orchester eine große Fülle an Klangfarben, die man dann auch im Konzert hören konnte. Über Atmosphären der Sinnlichkeit und Leidenschaft, über Sehnsucht bis hin zur Resignation war alles zu hören. Der Dirigent Donald Nally mit seinen emotionalen Gesten trieb den Chor und auch uns zu noch mehr Höchstleistung.

Schnell wieder in Alltagskleidung umgezogen konnten alle Beteiligten, Deutsche wie auch Amerikaner, den Abend in einem mexikanischen Restaurant ausklingen lassen. Allzu spät durfte es allerdings nicht werden: Morgen wird um 4:30 Uhr (!) geweckt, wenn wir Chicago Adé sagen und nach Pennsbury fliegen. Dann mit neuem Programm, neuen Choristen, aber genauso viel Spaß wie immer.

Text: Felix Förster

Konzertaufnahme