Umgeben von millionen Seelen

Es klopft an unsere Tür. Es ist 7.45 Uhr und Sonntag. Die innere Uhr verlangt nach Wochenende, doch in Israel ist dieser Tag der Wochenanfang. Das dies tatsächlich der Fall ist, stellen wir fest, als wir nach dem Frühstück das Hotel verlassen und plötzlich auf dem, sonst leeren, Hotelvorplatz einen ganzen Fuhrpark an Bussen vorfinden. Diese wollen alle gleichzeitig fahren. Azar, unser Busfahrer, weiß aber um unseren Zeitdruck und manövriert uns alle sicher zwischen den anderen Bussen hindurch. Unser erster Haltepunkt am heutigen Tag ist erneut die Erlöserkirche. Hier gestalten wir mit den gestern geprobten Stücken den Gottesdienst aus. Danach verstauen wir alle unsere Sachen in der Kirche und rüsten uns für eine Tour durch die Altstadt. Wir laufen durch scheinbar unentwirrbare Gassen, vorbei an nicht enden wollenden Läden. Dann verschwindet der Schatten der umliegenden Häuser und nach ein paar Stufen steht sie plötzlich vor uns. Eine Wand die uns zeigt an welcher Stelle einst die Tempelbefestigungsanlage endete. Doch für das Judentum bildet eben diese Mauer, die Klagemauer, einen zentralen Punkt um in Verbindung mit Gott zu treten. Wir treten näher um die Atmosphäre dieses religiösen Ortes zu spüren. Dabei wird streng nach Geschlecht getrennt, denn nur den Männern ist es erlaubt aus der Thora zu lesen und deshalb liegt der Eingang zum Gewölbe, in dem mehrere Exemplare dieser heiligen Schrift aufbewahrt werden, auch auf der Männerseite. Beim Betreten dieses Gewölbes umweht uns ein Duft, der von dem alten Papier zu kommen scheint. Zum Beten kommen Juden aus aller Welt hierher. Auch bei dem Alter der Betenden ist alles vertreten. Vor allem bei den Jüngeren scheinen wir für einen Moment interessanter zu sein, als das Schriftstück, welches sie in ihren Händen halten. Doch dieser Zustand hält nicht lange an und sie wenden sich uns wieder ab. Nun führt uns der Weg weiter ins jüdische Viertel von Jerusalem und schließlich zur Grabeskirche. Kfir meint eigentlich müsse sie Wiederauferstehungskirche heißen. Nachvollziehbar ist dieser Gedankengang auf jeden Fall. Er erzählt uns noch eine Hand voll Anekdoten rund um dieses Bauwerk und ihre fünf Gemeinden, welche sich nicht so recht einigen können und so kommt es, dass der Schlüssel einer muslimischen Familie gehört. Als wir uns wieder aus den Weihrauchschwaden befreit haben gehen wir zurück zur Erlöserkirche und holen unsere Instrumente ab. Mit diesen beladen, geht es zurück zum Bus. Als dieser losrollt ist das Ziel klar, dessen Auswirkungen allerdings nicht. Wir steigen aus und stehen vor einem recht modernen Eingangsgebäude aus Glas und Beton. Das Straßenschild ein paar Meter weiter vorne hat uns verraten: Yad Vashem.

Das Gelände der Holocaust-Gedenkstätte wirkt modern, wurden die Gebäude doch erst 2005 erneuert. Das Holocaust-Museum ist in Form von zwei Rampen gebaut, die eine führt hinab und symbolisiert den Niedergang der Menschlichkeit. Die Andere führt wieder hinauf und steht für die Hoffnung und den Willen das es weitergeht. Wir begeben uns also in Richtung Eingang. Diesen erreichen wir über eine Brücke, deren Holzplanken laut unter unseren Füßen knarzen. Es lässt diesen Ort, trotz Mittagssonne, etwas unheimlich wirken. Wir betreten das Gebäude und machen uns an den Abstieg. In vielen Details und, was das besondere an Yad Vashem ist, an persönlichen Schicksalen wird erzählt, wie sich die Verfolgung der Juden im Dritten Reich entwickelte. Man läuft diese Rampe hinunter und mit jedem Schritt kommen neue Greultaten der Nazis und neue Schicksale hinzu. Die Schritte werden ungewollt langsamer, die Beine werden schwer wie Blei und die Kehlen schnüren sich zu, bei all der Grausamkeit, die einem hier entgegenschlägt. Egal wie man es dreht und wendet, es gibt keine Möglichkeit sich vorstellen zu können, was einen Menschen zu solchen Taten treibt. Zwischendurch muss man sich setzten, zu aufgewühlt ist das Gemüt. Die ersten Schritte nach dem Aufstehen sind mehr ein Taumeln als ein Gehen. Auch der Weg der wieder hinauf führt, hält einen gefangen. Kurz bevor man das Museum wieder verlässt, findet man sich in einem runden Raum wieder, dessen Wände mit Bücherregalen verkleidet sind. Sie sind nicht komplett, aber zu einem großen Teil gefüllt. In den Büchern steht das womit sich das Institut von Yad Vashem beschäftigt. Dem finden und aufschreiben jüdischer Namen, deren Besitzer einst dem Holocaust zum Opfer fielen. Es sind bestimmt über zweihundert Bücher vor denen man steht, Tendenz steigend. Allein diese Tatsache führt zu einer Art Lähmung. All diese Menschen starben für eine Ideologie, die für sie keinen Platz hatte. Man schaut auf die gut sortierten Buchrücken und bekommt das Gefühl man könne darin lesen. Als würden die Bücher zu einem sprechen. Dann tritt man hinaus in die Sonne und weiß nicht was man sagen soll. Deshalb sagt man nichts. Wir gehen weiter zur Gedächtnishalle. Ein Bauwerk, dessen Boden bedeckt ist mit sechs Millionen Mosaiksteinen. Jeder steht für ein Holocaustopfer. Der Raum ist dunkel, zwischen den Mosaiksteinen stehen die Namen der großen Vernichtungslager. Bei dem Gedanken, dass jeder dieser kleinen Steine für ein Menschenleben steht, wird einem schwindelig. Man hält sich am Geländer fest und schaut hinab auf das Mosaik. Bei längerem hinschauen scheint es so, als würde es sich zu bewegen beginnen. Beim Verlassen der Halle wird man aus der bedrückenden Kühle gerissen und gerät wieder unter die brennende Sonne. Normalerweise löst die Sonne bei den meisten ein Lächeln oder positive Gefühle aus. Doch diesmal schweigt man weiter. Versucht vergeblich das Gesehene in Worte zu fassen. Dann stehen wir vor einem Eingang, der in den Berg hineinführt. Im Inneren begegnen uns zuerst Fotos von Kindergesichtern. Dann gehen wir weiter und stehen in einem Raum in dem Stimmen die Namen, das Alter und das Herkunftsland von 1,5 Millionen Kindern aufsagen. Der Raum ist dunkel. Nur fünf Kerzen erhellen ihn, deren Licht von mehreren Spiegeln reflektiert wird. So sieht man nicht nur fünf Flammen, sondern gefühlt 1,5 Millionen. Jeder leuchtende Punkt wirkt wie die Seele eines ermordeten jüdischen Kindes. So steht man im Meer aus Punkten, die ebenso gut Sterne sein könnten und fühlt sich verloren. Man steht machtlos in diesem Meer aus leuchtenden Seelen und ist überwältigt von der Endgültigkeit dieses Augenblickes. Man weiß nicht wohin. Man ist schockiert. Man ist fassungslos. Man versucht irgendwie zu begreifen. Man versucht das Wie oder das Warum zu begreifen. Doch alles was sich Bahn bricht ist Traurigkeit. Diese bleibt auch als wir diese Gedenkstätte wieder verlassen haben. Auf der Rückfahrt ist der Bus die einzige Geräuschquelle. Erst zum Abendbrot beginnt man zu reden, zu verarbeiten. So beginnt ein ruhiger Abend, an dem jedem einmal mehr klar wird, dass Menschlichkeit eines der höchsten Güter ist, welches wir auf dieser Welt haben.

 

 

Text: Jan Jarick