Der Haifa Blues

Als wir heute unseren Träumen entschwinden, ist es erst 6.30 Uhr. Das ist zeitig, doch der Aufwand soll sich lohnen. Wir werden aufgefordert, unsere Zimmer zu räumen und die Busse zu beladen. Dann geht es ein letztes Mal zum Frühstück in den Speisesaal des Jerusalem Gate Hotels. Wir lassen es uns schmecken und steigen dann gesättigt in die Busse. Unser Weg führt nach Haifa. Eine Hafenstadt im Norden Israels, die laut unserem Guide die „schönste Stadt auf der Welt ist“. Nach zweistündiger Busfahrt können wir uns dann selbst ein Bild von dieser Stadt machen. Haifa liegt nicht nur am Meer, sondern auch in den Bergen. Dabei ist in den Bergen wörtlich zu nehmen. So kann es passieren, dass man beim bummeln durch die Straßen plötzlich neben einem Felsen steht. Die Häuser, welche vermehrt im „Bauhaus-Stil“ gebaut wurden, scheinen aus dem gleichen Fels geschaffen zu sein und so sieht es aus, als wäre ein Steinmetz durch diese Gegend gegangen und hätte diese Stadt aus dem Berg gehauen.

Zwischen kleinen Mauern und rostigen Gittertoren, blüht es an allen Ecken. Rosa, Rot, Orange und Pink sind die Blüten, welche mit ihrem Farbenspiel dem hiesigen Sonnenuntergang zu ähneln scheinen. Nicht nur landschaftlich, sondern auch kulturell wird uns einiges geboten: So wird uns die Möglichkeit eröffnet, in eine Synagoge zu schauen und in Kontakt mit dem hiesigen Rabbi zu treten. Die Synagoge liegt in der „Deutschen Kolonie“. Ein Gebiet, welches einst deutschen Familien gehörte, die nach Israel kamen, um hier Wein anzubauen. Doch Wein wächst hier nur mäßig gut und so wurde das Grundstück von der Bahai-Gemeinde aufgekauft. Die Mitglieder dieser Religion erklärt uns Kfir wie folgt: „Wer dort mitmacht, muss Geld haben. Die finanzieren sich komplett selbst. Und alles was sie gemacht haben, ist, sich das Beste aus allen Religionen rauszusuchen.“
Die Anlage dieser Gemeinde jedoch lässt einen die Fähigkeit des geschlossenen Mundes verlernen. Ein riesiger Garten, welcher an einem Berghang liegt und die Bahai ganz nebenbei 250 Milionen gekostet hat, trumpft mit überwältigender Schönheit.
Wir steigen zum wiederholten Male in unsere Busse und fahren in eine Gegend, die man als ländlich bezeichnen könnte. Hier lebt eine Bevölkerungsgruppe, welche sich eine eigene Welt geschaffen hat, zumindest wenn man Kfir glaubt. Als wir im Dorf ankommen, bekommt man dieses Gefühl wirklich vermittelt. Die Drusen leben hier ein eigenes Leben. Sie haben ihre eigene Religion, welche den Alltag stark bestimmt. Uns wird erzählt, dass man als Druse geboren wird und die Zahl der Drusen nie abnimmt, da diese an die direkte Wiedergeburt glauben. Wir erhalten die Chance, etwas shoppen zu gehen und strömen in alle möglichen Richtungen aus. In den Läden, welche die Straße säumen, findet man alles, was man selten bis gar nicht braucht, als Andenken jedoch sehr gut dient. Den Abschluss des kleinen Bummels bildet ein sehr wohlschmeckender Kaffee, bevor es zu unserem „Kaffeetrinken“ weitergeht. Es ist 16 Uhr, als uns in einem drusischen Restaurant ein Berg an kulinarischen Meisterleistungen aufgetischt wird. Hummus, Gurken-Tomaten- Salat, Pita in drei verschiedenen Geschmacksrichtungen, Sesamsoße, aromatischer Reis mit Zumak und Hähnchen, zwei Fleischpizzen, Baklava und laut Lisa: „Ultra scharfe Peperoni“ stehen auf dem Speiseplan. Abgerundet wird das „Kaffeetrinken“ von arabischem Kaffee mit Kardamom. Lecker!
Der Weg führt weiter ins Theodor Hotel, welches für die kommende Nacht unsere Bleibe bilden soll. Wir schmeißen uns unter die Dusche und machen uns fertig für das abendliche Programm. Wir fahren zu einem Konzert der Big-Band des Haifa Sinfonieorchesters. Die Musiker scheinen beim Publikum beliebt und haben für den Jazzliebhaber einiges im Programm. Nach der Pause werden wir offiziell begrüßt. Dann betritt ein Jazzgitarrist die Bühne, der nur für seine Musik auf die Welt gekommen ist. Er zupft sich in Ekstase und vermittelt das Gefühl, als würde er den Rest der Welt vergessen. Er wirkt so abgelenkt, dass er nicht zu merken scheint, dass man seinen ungewollten Gesang bis in die letzte Reihe hört. Die Bigband spielt dazu eine sehr stabile Begleitung mit einem Trompeter, welcher Töne spielen kann, die normalerweise weder physikalisch, noch biologisch auf diesem Instrument zu spielen sein sollten. Die zwischendurch kurz auftretende Taubheit ist auf jeden Fall der unglaublichen Tonhöhe geschuldet und verlangt uns eine ordentliche Portion Respekt ab.
Danach fahren wir zurück ins Hotel, genießen die Aussicht auf Haifa bei Nacht und bedanken uns bei Frau Goldfuß und Avishay Goltz, der, als Sohn einer ehemaligen Leipzigerin, diesen wunderschönen Tag für uns organisiert und finanziert hat, worüber wir sehr dankbar sind.

Text: Jan Jarick