Sommer, Sonne, Altenheim

Es ist acht Uhr, als die Türen zu unseren gut klimatisierten Zimmern aufspringen. Unsere Betreuer müssen jedoch zu ihrem Erschrecken feststellen, dass ein Teil der Betten bereits leer ist. Denn einige JSO´ler haben in den frühen Morgenstunden die vorhandenen Sportgeräte für sich erobert. Die Chance für das Sporttreiben liegt in der Zeit, in der die Sonne noch nicht die Bewegungen zu einem Kampf gegen die Hitze macht. Alle die länger geschlafen haben, stehen nun auch auf und man findet sich zum gemeinsamen Frühstück ein. Die Strapazen des morgendlichen Turnus sind schnell vergessen, als unser Erinnerungsvermögen uns daran erinnert, was am heutigen Vormittag auf uns zukommt. Strand, Meer, Sonne! Wir stürmen zu den Bussen und stehen wenig später an einem Geländer, von dem man einen unglaublichen Ausblick auf das Meer genießt. Eine Treppe führt uns hinunter in den fast brennend heißen Sand.

Unter ein paar Schattenspendern finden wir uns zusammen und werden von dem Diensthabenden Rettungsschwimmer über die geltenden Regeln informiert. Dann heißt es „JSO ahoi“ und wir vergnügen uns im Wasser. Dieses wirkt erstaunlicher Weise kälter als gestern und deshalb hält es uns lange in den Wellen. Erst ein Wink unserer Betreuer erinnert uns daran, dass wir keine Meerjungfrauen sind und so machen wir uns auf den Weg zu unseren Bussen.
Wir halten an einem Einkaufszentrum, das es sich zur Aufgabe gemacht zu haben scheint, die größte Koizucht in einem Einkaufszentrum zu halten. Jedenfalls sind überall Fische, welche uns auf unserem Einkaufsbummel begleiten. Das JSO deckt sich mit allem ein, was der Musiker braucht. Besonders nennenswert wären an dieser Stelle Müsli, Kekse, Zahnpasta, sirupartiger Eistee und gute Laune, letztere schwappt nach dem kurzen Abstecher auf jeden Fall durch den Bus. Mit etwas Verspätung erreichen wir das Mittagessen und treffen uns im Anschluss zum gemeinsamen proben. Parallel finden Proben für ein Kammermusikkonzert in besonderem Ambiente statt. Direkt neben dem Internat, in dem wir untergebracht sind, befindet sich ein Altenheim, in dem heute einige Ensembles spielen werden. Als wir das Gebäude betreten, strömt uns das gewöhnliche Altenheimfeeling entgegen. Eine äußerst friedliche Kulisse baut sich vor uns auf, als wir im hinteren Teil des Gemeinschaftsraumes Platz nehmen. Für die nächste Stunde musizieren Bobby, Diana, Helene, Hannah, Johanna, Konstanze, Moritz, Johannes, Jonathan, Jeroen, Agnes, Julia und Luise. Von Mozart und Mendelssohn bis zu bulgarischen Volksweisen wird ein musikalisch breites Programm geboten. Es wird mit Herzblut und einer Menge Emotionen gearbeitet. Besonders bewegend wird es, als ein Demenzkranker plötzlich den Rhythmus entdeckt und beginnt auf seinem Oberschenkel mitzuklopfen. Er klopft laut und nicht immer im Takt und trotzdem spürt man,welche Lebensfreude von ihm ausgeht. Er hat für einen Augenblick, den sonst routinierteren Heimalltag, nicht mehr im Kopf und lebt. Die Musik löst bei ihm Gefühle aus, welche ihn vergessen lassen, dass er vergisst. Doch nicht nur er, sondern auch alle anderen Anwesenden, sind sehr angetan von den vorgetragenen Werken. Es wird gewippt und wild applaudiert. Es wird empfunden und erlebt. Das Ziel, welches mit diesem Konzert verfolgt wurde, nämlich Freude zu bereiten, wurde auf jeden Fall erreicht.
Nach unserem „Abstecher“ ins Altenheim laufen wir zum Abendessen.
Anschließend findet sich das gesamte Orchester zusammen. Über den weiteren Verlauf hüllen wir uns in Schweigen.
Bevor an dieser Stelle eine Diskussion um Verschwörungstheorien entbrennt, sei gesagt, dass es uns gut geht und wir uns benehmen.
Und wir sind dankbar dafür, jeden Tag Dinge zu erleben, welche wir uns ohne dieses Orchester nur hätten erträumen können.

Text: Jan Jarick