Menschen, Bilder, Emotionen

Unser vorletzter Tag in Israel beginnt mit leichten Wolken, welche der Sonne etwas die Kraft nehmen. Während wir zum Frühstück trotten, sind Ron-Dirk Entleutner und Markus Brückner schon unterwegs, in großer Mission. Beide sind eingeladen um mit Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung und dem Bürgermeister von Herzliya Moshe Fadlon zu speisen. Das JSO ist seit seiner Ankunft in der Leipziger Partnerstadt Teil der Stadtdelegation, welche anlässlich des fünften Geburtstages der Städteverbindung nach Israel gereist ist. Während auf diesem Weg gemeinsam gefrühstückt wird, bereitet man sich im Internat schon musikalisch vor. Denn heute ist der Tag, auf den wir die ganze Woche hingearbeitet haben. Unser Abschlusskonzert steht kurz bevor, welches gleichzeitig den Auftakt einer Openair Konzertreihe bildet. Als dann unser Dirigent eintrifft geht es los mit der finalen Probe. Noch einmal steht die Sinfonie aus der „Neuen Welt“ auf der Agenda, ebenso wie die Sinfonischen Tänze aus der West Side Story. Eine Besonderheit gibt es in dieser vormittäglichen Übungsphase. Wir haben in den frühen Morgenstunden eine Lieferung bekommen. Die Ladefläche des Transporter ist voll von allem was das Schlagwerkerherz höher schlagen lässt und unsere Schlagwerker stellen gleich unter Beweis, dass sie in den letzten Tagen auf keinen Fall eingerostet sind.

Mit dem Höreindruck eines jetzt wieder vollständigen Orchesters gehen wir in die sehr ausgedehnte Mittagspause. Nach dem Mittagessen gibt es heute eine angeordnete Mittagsruhe, in der wir all unsere Kraft sammeln können, um den heutigen Abend zu meistern. Die Pause wird ruhig verbracht, viele nutzen die Chance zum schlafen. Dann wird es ernst. Das zweite Mal werden wir heute geweckt. Mit einem entscheidenden Unterschied zum Morgen. Wir werfen uns in unsere Konzertkleidung und bereiten uns auf die kurze Reise zu unserem Konzertort vor. Mit abermals neuen Bussen und neuen Busfahrern fahren wir in den Stadtpark von Herzliya. In dessen Herzen ist eine Openairbühne aufgebaut. Zu Beginn des Soundchecks scheint die israelische Sonne zwischen den Wolken hervor, verwandelt die Anspielprobe in ein angenehmes Sonnenbad.
Dann wird es ernst. Eröffnet wird der Abend mit Reden der Bürgermeister von Leipzig und Herzliya, einer Begrüßung des deutschen Botschafters und Gröndahls Posaunenkonzert. An der Posaune zaubert Moritz die ersten positiven Stimmungen in die langsam untergehende Sonne. Den Temperaturen trotzend meistert er den ersten Satz, eines der wohl bekanntesten Werke für Posaune und Orchester. Dann tritt Ron-Dirk Entleutner ans Mikrofon, begrüßt die Konzertbesucher und führt von nun an durch den Abend.
Nach der kurzen Moderation folgt unser Geschenk an die Stadt Herzliya zum Städtepartnerschaftsgeburtstag.
Die Sonne färbt die Wolken in ein leichtes Rot und die letzten Sonnenstrahlen färben das Blau des Himmels in ein kräftiges Gelb, als die ersten Töne aus Dvoraks 9. Sinfonie erklingen. Leider sitzt das 5000 Besucher zählende Publikum mit dem Rücken zu diesem Farbenspiel, denn sonst würden sie wahrscheinlich wirklich das Gefühl bekommen in der neuen Welt anzukommen. Dieses Zusammenspiel aus Sonnenuntergang und Musik zwingt zum Träumen und stimmt alle Beteiligten optimistisch. Der zweite Satz hebt dann das Gebilde des ersten Satzes in die Schwerelosigkeit und man kann nicht anders als mitzufliegen. Ein wunderschönes Englisch Horn stellt sich an die Spitze des Zuges aus Frohsinn und Wohlbefinden. Man schwebt über Landschaften und wird mit einem wohldosierten Krachen zu Beginn des dritten Satzes wieder auf die Erde zurückgeholt. Man ist angekommen in der neuen, scheinbar unbeschwerteren Welt und kann sich voll und ganz allem Schönen im Leben hingeben. In der Mitte des dritten Satzes sieht man sich verleitet mitzutanzen, als Holzbläser und Streicher zu tupfenden Tönen anstimmen. Im Finale gibt es dann wieder Großstadtflair. Mit einer perfekt inszenierten Hektik steht man für einen Moment wieder auf dem Basar in Tel Aviv umrungen von Menschenmassen. Man spürt wie die Stadt und die Menschen atmen, genauso wie das Orchester gemeinsam atmet und somit dem Anfang eine mitreißende Kraft verleiht.
Die Spielfreude, die vom Orchester ausgeht, scheint anzustecken und man möchte meinen, die Lebensfreude der Menschen, welche Dvorak in den USA gesehen hatte, ist auf uns übergegangen. Das Publikum scheint begeistert, wenn man dem Applaus zwischen den Sätzen glauben mag. Nach allen vier Sätzen sind die Besucher so aus dem Häuschen, dass sie ihre Begeisterung nicht mehr verbergen können und so vermischen sich die Abschlussakkorde und der tosende Beifall. Ein gelungenes Geschenk an eine Stadt und irgendwie auch an ein Land, welches uns mit weit geöffneten Armen empfangen hat.
Es folgt der Prolog und Somewhere aus den Sinfonischen Tänzen der West Side Story von Leonard Bernstein. Die verworrenen und teilweise abstrakt wirkenden Rhythmen der Tänze knüpfen an die amerikanische Stimmung aus der vorhergehenden Sinfonie an und transportieren die Emotionen, die sie transportieren sollen. Wir lassen uns auf eben diese ein und geraten somit in eine eigene Welt, in die wir jeden mitnehmen, der sich eingeladen fühlt. Die Besucher im Park von Herzliya fühlen sich eingeladen. Es ist das wahrscheinlich stillste Openair Publikum was wir je erleben durften. Es wird mit der gleichen Spannung musiziert wie zugehört. Im Somewhere lässt sich so die eine oder andere Träne nicht vermeiden, als zuerst die Solobratsche und dann das Horn das Thema übernehmen und dieses mit einem wohlklingenden Maß aus Wehmut und Liebe dem Publikum präsentieren.
Nach einer kurzen Zwischenmoderation raffen wir uns wieder zusammen und tragen gemeinsam das Klarinettensolo, welches uns die letzen Monate begleitet hat. Die ersten Takte aus Márquez´ Danzon No.2 lassen den Blick auf der imaginären Weltkarte etwas nach Süden rutschen. Man wird gefesselt in lateinamerikanische Klänge, bei denen man dem Tanzdrang nur schwer widerstehen kann. Wir spielen uns in eine Rage, welche erst mit dem Schlussakkord wieder endet. Dazwischen variiert die Musik in Farbe und Bewegung so vielschichtig, dass es in jeder Sekunde etwas Neues zu entdecken gibt. Es raschelt, zupft und knallt. Am Ende steht ein begeistertes Publikum auf der einen und ein voll zufriedenes Orchester auf der anderen Seite.
Angesichts dieser Tatsache lassen wir uns nicht lange bitten und spielen zunächst Fluch der Karibik und dann noch einmal einen Teil des Danzon No. 2 als Zugabe.
Wir sind begeistert und liegen uns in den Armen. Doch zu den euphorisch, begeisterten Gefühlen, mischen sich auch Empfindungen des Abschieds. Auch auf dieser Konzertreise müssen wir uns schweren Herzens von einigen langjährigen Begleitern verabschieden und so hält man sich nach der Musik fest und braucht sich nicht zu schämen, wenn einem die Tränen in die Augen steigen.
Nach einem Moment des Abschiednehmens lassen wir uns zurück zu unserer Unterkunft fahren. Als wir das Gelände betreten erkennen wir den Hof des Internats nicht wieder. Neben einem riesigen Buffet, stehen zahlreiche Kissen und Bänke für uns bereit. Wir entspannen und schlemmen. Dann gibt es kurze Danksagungen der Bürgermeister und von unserem Dirigenten. Danach folgt ein Gruppenfoto und dann wird mit Spannung das heutige Fußballspiel verfolgt.
Nun sitzen wir, schwelgend in den Erinnerungen der letzen Woche und sind etwas fassungslos darüber, dass diese Reise morgen beendet sein soll.