Ein Austausch in Addis Abeba / Tag 6

Normalerweise werden wir jeden Morgen in alter JSO-Tradition von unseren Betreuern geweckt. Dieser sehr verantwortungsvollen Aufgabe hat sich mittlerweile jedoch ein kleiner, sehr energischer Vogel erbarmt. Jener pocht jeden Morgen, pünktlich um 6.50 Uhr, mit seinem roten Schnabel gegen unsere Fensterscheibe bis Johanna aufsteht und ihn (Kommentar Lisa: das Mistvieh) versucht zu beschwichtigen. Welch friedliche Morgenstimmung.

In dieser Woche wird ein beidseitiger Austausch gelebt: Nicht nur wir bringen „unsere“ Musik nach Äthiopien, sondern lernen, wie bereits erwähnt, auch äthiopische Instrumente kennen. Als ein Highlight dieser Reise, können wir uns heute die weltweit einzige traditionelle Werkstatt äthiopischer Instrumente ansehen. Unter Anleitung des Meisters werden uns die verschiedenen Bauweisen gezeigt. Die Werkstatt kann man sich als eine mehr oder weniger feste Wellblechhütte mit Hof vorstellen, in welcher sich die Instrumentenrohlinge, Hölzer und Ziegenhäute stapeln. Diese Manufaktur ist Teil eines größeren Instituts, welches sich der Bewahrung und Weitergabe der Traditionen verschreibt. So wird die Musik aufführungspraktisch weitergegeben und wir haben das Glück, den doch recht fremdartigen Klängen lauschen zu dürfen. Vorgetragen werden Lieder auf Begena, Masenko und Krar, unter anderem von einer knuffigen, über 80-jährigen Schülerin.

Inspiriert von den ganzen Eindrücken machen wir uns daraufhin selbst ans Üben der uns von unseren Gastgebern gestellten Herausforderung. In unserem letzten Konzert sollen wir morgen unser „Können“ demonstrieren. Apropos Konzert: Auch heute ziehen wir unsere Konzertkleidung an, um noch einmal auf dem Gelände der gestern erwähnten Bahngesellschaft als Teil einer Preisverleihung zu spielen. Langsam spüren wir jedoch alle die „Strapazen“ solch einer Reise in unseren Knochen und so wird kurz noch ein kleiner PowerNap eingelegt. Energie können wir auch beim darauffolgenden Essen tanken. Einige schlagen mehr, andere weniger zu, denn das gestrige Buffet wollte bei manchen nicht lange verweilen. Und obwohl wir uns über die Tage im Essen gut konditioniert haben, ist 16.30 Uhr dann doch einfach noch etwas früh fürs „Dinner“.

Zurück zur Yared Music School, wo wir unsere Instrumente abladen und uns von dort aus spontan mit den Äthiopiern auf den Weg in ein Brauhaus machen. Den freien Abend genießen wir zusammen bei Schwarzbier und guter Laune. Unsere Gastgeber erzählen uns interessante Geschichten über ihre Kultur und so vergeht die Zeit wieder einmal wie im Flug.

Im klapprigen blau-weißen Großraumtaxi geht es nach Hause. Zum Abschied lernen wir noch wie man sich anständig hier in Addis verabschiedet: Umarmung, Händeschlag und dabei Schnipsen. Gar nicht so einfach.