Ein Austausch in Addis Abeba / Tage 7 und 8

Bei Glockengeläut im Garten der German Church sitzend, beginnen wir also unseren letzten Reisebericht.

Nach unruhigen Nächten geht es für uns auf zum Abschlusskonzert in der Yared Music School, welches sich sowohl aus traditionell äthiopischen Stücken als auch unserem Konzertprogramm zusammensetzt. Damit beenden wir den offiziellen Teil unseres Austausches. Ein großes Problem stellte zu Beginn das Stimmen der äthiopischen Instrumente dar, welches jedoch beim Klang und den lächelnden Gesichtern unseres einheimischen Publikums schnell vergessen ist. Nach herzlichen Worten der Direktorin werden uns als Dank Päckchen mit Kaffee und einem traditionellen Trachtentuch überreicht. Auch wir übergeben unser kleines Mitbringsel: einen JSO-grünen Kaffeebecher –  mit für äthiopische Verhältnisse dreifach so viel Fassungsvermögen… ;-)

Vor dem Mittagessen setzten wir uns für ein kleines Fachgespräch zusammen. Thema: Pflege und Zubehör des Streichinstruments. Hier werden auch die zahlreich mitgebrachten Stützen, Saiten, Kolophonien und Dämpfer überreicht, für die wir gemeinsam im Orchester gesammelt haben. Vielen Dank an alle Spender!

Im Anschluss besichtigen wir eine von König Menelik erbaute und auf einem Berg gelegene Kirche. Wir genießen einen wunderbaren Blick auf das Tal sowie das Kirchengelände (ganz in den Nationalfarben Äthiopiens gehalten) und bekommen eine kurze Führung in der zugehörigen Ausstellung.

Am Abend erwartet uns noch eine Überraschung. Wir folgen der Einladung der Stadtverwaltung Addis Abebas und finden uns nach einer Fahrt durch die gegensätzlichsten Teile dieser vielseitigen Stadt in einem traditionellen Restaurant wieder. Wir sitzen an kniehohen Tischen in einer großen Runde zusammen, nicht weit entfernt von der später mit Tanz und Musik belebten Bühne. Auf dieser nehmen zuerst Musiker einer Band Platz, gefolgt von 6 TänzerInnen, welche uns den Abend über durch die 95 verschiedenen Kulturen und Tanzstile Äthiopiens führen.

Lange hält es uns nicht auf den Stühlen – aufgefordert von unseren äthiopischen Freunden bildet sich schnell ein mit Schulterwackeln und Kopfkreiseln gefüllter Tanzkreis. Doch der Überraschungen nicht genug: einige JSOler (insbesondere Lisa) fallen freudestrahlend einem uns von der Äthiopienreise 2015 gut in Erinnerung gebliebenen jungen Herren in die Arme – Mesfin, unser damaliger Tourguide, beehrt uns an diesem Abend mit seinem Besuch.

Plötzlich werden zahlreiche äthiopische Instrumente in den Raum gebracht. Wir erkennen unsere Konzertinstrumente „Krar“ und „Mazinko“ und befürchten schon, jetzt ein notenfreies Ständchen für die anwesenden Gäste spielen zu „dürfen“… Doch es kommt ganz anders, als erwartet: Vertreter der Stadtverwaltung greifen jeweils zwei der Instrumente und überreichen uns diese unter Händeschütteln und Applaus, während uns unsere einheimischen Freunde ermutigend von der Seite anlächeln.

Zutiefst berührt von der Überzahl der Geschenke begeben wir uns später vom Tag erfüllt und erschöpft zurück ins Hotelzimmer – und lassen uns trotz der späten Uhrzeit nicht von einer Jamsession auf unseren neuen Instrumenten abbringen.

Kurze, verdauungsbedingte Unterbrechungen erfüllen die sonst lange und erholsame Nacht. Den kommenden Tag haben wir ganz zur freien Verfügung und der erste Programmpunkt unseres Abreisetages ist das Verpacken der uns gestern geschenkten Instrumente. Doch zuvor heißt es: Autogrammstunde! Alle Beteiligten des Austauschs schnappen sich die Stifte und setzen ihren Namen (sogar auf amharisch) auf die gespannte Ziegenhaut.

Die geplante Shoppingtour erweist sich als nicht zu verwirklichen, als alle aufgesuchten Geldautomaten auf unerklärliche Weise streiken und wir aufgrund des Zeit- und Busmangels zum Umkehren gezwungen sind. Dann also Lunch in der German Church, bei welchem wir immer wieder von den nicht enden wollenden Geschenken unserer äthiopischen Freunde überwältigt werden. Behangen mit äthiopischem Schmuck geht es zu unserem letzten Programmpunkt.

Eine letzte Abschlussfahrt, oder eher -wanderung steht uns noch bevor; es geht in den „Botanischen Garten“. Dieser trifft jedoch so gar nicht unsere Erwartungen (die Schuhauswahl der Äthiopierinnen zeigen es): es geht durch die Prärie, immer weiter die rotbraunen Steilhänge hinauf, bis wir schließlich außer Atem (natürlich nur der Höhe von 2800 m geschuldet!) den „Gipfel“ erreichen. Wie schon beim letzten Besuch des Entoto 2015 lohnen sich die Strapazen und wir schwelgen bei der überwältigenden Aussicht einige Augenblicke in den Erinnerungen der vergangenen Tage. Zu schnell geht es auch wieder an den Abstieg: der Postkarten- und Koffermarathon wartet auf uns.

Postkartenmarathon: Man mag es kaum glauben, aber in der Hauptstadt Äthiopiens ist es wirklich nicht einfach, ansehnliche Anschauungskarten zu finden. Diese möchten jedoch mindestens für unsere Spender noch in Addis abgeschickt werden! Also heißt es noch einmal rein in den Großstadtdschungel mit dem Großraumtaxi, Postkarten zusammen klauben und zurück zur Kirche. Währenddessen wird das letzte gemeinsame Abendessen für uns bereitet und schon leicht melancholisch lauschen wir den abschließenden Worten Pfarrer Jakobis. Nun wollen auch wir unsere kleinen Gastgeschenke an unsere Pultnachbarn verteilen.

Im Hotel werden noch schnell die Koffer gepackt und so werden die auf uns wartenden äthiopischen MusikerInnen kurzerhand auf das Zimmer eingeladen. Im Kreis liegend schlachten wir den letzten verbliebenen Lindt-Osterhasen, schlagen uns die Finger beim DONKEY wund und genießen das letzte richtige Zusammensein. Nach einigen feuchten Augen, Taschentüchern und bewegenden, emotionalen Minuten des Abschieds startet mit einiger Verzögerung schließlich 1 Uhr nachts unser Flieger nach Istanbul.

Nun sitzen wir gemütlich bei Kaffee („Also der Äthiopische war einfach besser…!“), Zwieback und Avocado beisammen, schauen uns die Bilder der letzten Woche an und freuen uns, bald wieder bekannten Boden unter den Füßen zu spüren.

Einen Abschluss für diese Reise zu finden, das fällt uns allen sehr schwer. Keiner vermag richtig in Worte zu fassen, was wir in den letzten Tagen erleben, sehen, fühlen durften: Fortschritte, die sowohl bei unseren herzlichen Gastgebern, als auch bei uns zu beobachten waren. Freundschaften, die sich über Kontinente hinweg erstrecken und welche durch die Musik stetig wachsen. Und vor allem die Freude, die das gemeinsame Musizieren bei allen hervorruft und welche wir immer in unseren Herzen weitertragen werden.