Sissis Hofkapelle

Montag, 26.06.2017

Der zweite Tag beginnt für uns mit herrlich klarer Luft. In der Nacht hat es wieder Regen gegeben, der die drückende Hitze davongespült hat. Wir treffen uns am Konservatorium und besteigen die Busse in Richtung Gödöllö. Der heutige Tag steht unter der Schirmherrschaft einer ganz besonderen und vor allem berühmten Frau.
Unser Ziel ist ein Schloss und zwar nicht irgendeines, sondern für viele wahrscheinlich das Schloss der Schlösser. Bevor wir eine Führung durch unseren heutigen Konzertort erhalten, haben wir die Möglichkeit den weitläufigen Schlossgarten zu erkunden. Überall säumen Kräuter den Wegesrand. Besonders das Meer aus Lavendel sticht dabei ins Auge. Unzählige JSO´ler Hände greifen nach der lila Pracht, um sich damit zu dekorieren oder auch nur um den Geruch dieser Pflanzen an den Händen tragen zu können.
Zurück am Schloss werden wir von unserem heutigen Tourguide begrüßt und anschließend durch die Räume der Personen geführt, die vermutlich das meist verfilmte Königs- und Kaiserpaar aller Zeiten waren. Die Rede ist von Franz-Josef und Elisabeth. Herrscher und Herrscherin über das damalige Österreich-Ungarn. Bei vielen funkeln die Augen jedoch erst, als Elisabeths bekannterer Name fällt: Sissi. In einer Mixtur aus Schwärmerei und geduldigen Erklärungen unseres Guides wandeln wir durch die verschiedenen Gemächer und Säle des Schlosses in Gödöllö. Unsere Führung endet in der ehemaligen Reithalle, in der neben 400 Stühlen auch die Bühne aufgebaut ist auf der wir heute spielen werden.
Doch bevor wir auch nur an eine Generalprobe oder ein Konzert denken können zieht es uns zum Mittagessen, welches mit seinem Geschmack bei allen großen Anklang findet.
Frisch gestärkt proben wir dann an den letzten Stellen für das Cellokonzert von Dvorak und Beethovens 7. Sinfonie. Punkt 18 Uhr stehen wir bereit, um unser erstes Konzert der Reise zu beginnen. Bobby Kostadinov betritt in der ersten Konzerthälfte die Bühne und zaubert ein facettenreiches Cellokonzert für das ungarische Publikum, welches dem Erfolg vom Gewandhaus in nichts nachsteht. Orchester und Solist spielen nicht nur miteinander, sondern vor allem füreinander. All die intensiven Proben zahlen sich heute einmal mehr aus. Man kann sich aufeinander verlassen und schenkt sich dadurch Sicherheit durch alle drei Sätze. Egal ob Tutti oder Solo, wir schaffen es unseren Betreuern eine Gänsehaut zu bescheren. Abgeschlossen wird dieser erste Konzertteil durch tosenden Applaus, der sich in typisch ungarischer Manier schnell zu einem geordneten rhythmischen Klatschen entwickelt. Die wenigen JSO´ler die bereits 2010 mit in Budapest waren, wissen spätestens jetzt, worauf sie diese Reise gewartet haben.
Nach der Pause steht ein Abschied an. Ein letztes Mal Beethoven, ein letztes Mal die 7. Sinfonie. Doch weder Schwermut noch Trauer schaffen es in die zweite Hälfte des Konzertes. Leicht und diesem königlichen Gemäuer, in dem wir uns befinden, gerecht werdend, schweben die Sätze durch den Raum und legen sich wie ein schützendes Tuch über das Publikum. Dieses ist so gebannt, dass es nach dem vierten Satz beinahe eine halbe Minute in Stille verharrt, bevor abermals Beifall ausbricht.
Die ersten Zuschauer stehen bereits, um ihrer Freude über diesen gelungenen Konzertabend Ausdruck zu verleihen, da holen wir noch ein Ass aus dem Ärmel, denn was wäre eine Ungarnreise ohne den ungarischen Tanz Nr. 5 von Brahms. Eine Zugabe die auf große Begeisterung stößt und mit Jubel unseren ersten Auftritt beendet.
Glücklich und sichtlich geschafft rollen wir zurück nach Budapest, wo unsere Gastfamilien uns reichlich versorgen und uns sicher in die Nacht geleiten.

Geschrieben von: Jan Jarick