Ein Tag mit sieben Siegeln

Es ist herrlichstes Wetter, als wir um acht geweckt werden und so nutzen einige von uns die Zeit vor dem Frühstück, um dem Balaton und seiner erfrischenden Wirkung einen kleinen Besuch abzustatten.
Der Tag ist nur für uns. Wir sind also mit höchster Motivation dabei, die zweite wichtige Komponente, neben der Musik, nämlich das Zwischenmenschliche, zu pflegen. Alle sind dabei und genießen es sichtlich, wie das Orchester wieder einmal ein Stück mehr zusammenwächst. An dieser Stelle könnten wir seitenweise darüber berichten was wir alles erlebt und durchlebt haben. Doch die wichtigste Regel lautet: MAN REDET NICHT ÜBER DEN ORCHESTERTAG.
Nach dem Mittagessen haben wir eine Probe der etwas anderen Art. Mit Noten bewaffnet hören wir alle gemeinsam den ersten Teil von Schmidts Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“. Ob eine höhere Macht uns ein Zeichen zu diesem Stück senden wollte, ist nicht eindeutig nachzuweisen, aber der Regen, der ohne Vorankündigung in genau dem Moment auf die Erde fällt, als wir Schmidts Musik lauschen wollen, lässt einen Glauben es wäre so.
Laut und präapokalyptisch peitscht er über uns hinweg. Für einen Augenblick herrscht wildes Rennen. Jeder versucht die Sachen die zum Trocknen draußen hängen vor den Wassermassen zu schützen. So schnell wie er begonnen hat, ist der Regen dann auch wieder vorbei. Die Hitze und der Staub sind aus der Luft gewaschen und wir widmen uns wieder dem Oratorium. Doch wirkliche Freunde werden wir nicht.
Anschließend sitzen wir, umgeben von grün, wieder zusammen. Denn ein Orchestertag wäre kein Orchestertag, wenn er nicht den ganzen Tag dauern würde.
Die Vögel begleiten unser Tun mit ihrem Gesang, Insekten schwirren zwischen den zahlreichen Blüten hin und her und alles rundherum ist so friedlich, dass man fast sich selbst und das Orchester vergisst. Träumen kann man in dieser Kulisse, ohne dass man eine Extraeinladung braucht.

Geschrieben von: Jan Jarick