LEAD OP 2018: Halbzeitstimmung

LEAD OP 2018: Halbzeitstimmung

Ein Blick in den morgendlichen Himmel zeigt uns stellenweise die Sonne, die jedoch immer wieder von vorbeiziehenden Wolken verdeckt wird. Beim Frühstück auf der Terrasse des Ebenezer Guesthouse weht uns der Duft der äthiopischen Hauptstadt entgegen. Es riecht nach Erde, nach Ferne und nach dem Diesel, den die in die Jahre gekommenen Ladas verbrennen. Ergänzt wird dieses lieb gewonnene Bild durch ein Orchester aus Autohupen, rufende Menschen, fußballspielende Kinder und sich lautstark kundtuende Esel. Als wir unsere Busse besteigen, erwarten uns bereits die Fahrer mit einem so herzlichen Lächeln, dass man sofort noch mehr Lust auf dieses einzigartige Land bekommt.

Der Weg zur Yared Music School scheint am dritten Morgen in Äthiopien bekannt und hält doch an jeder Ecke eine Überraschung bereit. Unter LKWs, deren Reifen seit unbestimmter Zeit schon keine Luft mehr haben, dösen Straßenhunde vor sich hin. Überall hupen Taxen, auf der Suche nach potenziellen Kunden, und jeder beginnt, wie jeden anderen Morgen auch, seiner Arbeit nach zu gehen.

An der Yared Music School angekommen werden wir bereits von unseren äthiopischen Freunden erwartet. Mit dem morgigen Konzert im Hinterkopf geht es ans Proben. Zunächst wird im Einzelunterricht das ausgewählte Programm erarbeitet, bevor es in der anschließenden Gesamtprobe zu einem Ganzen zusammengesetzt wird. Mit großem Respekt sitzen wir neben den Studenten der Music School und staunen über deren immensen Lernwillen. Wenn man sich vor Augen führt, dass sie erst mit Beginn ihres Studiums anfangen ein Instrument zu lernen, so ist ihr Fortschritt in dieser kurzen Zeit, seit unserer Ankunft, ein kleines Wunder. Vor allem Brahms‘ „Ungarischer Tanz Nr. 5“ verlangt viel, ist er doch das komplette Gegenteil zu traditionellen äthiopischen Musik. Doch die Motivation stimmt – auf beiden Seiten.

Das Mittagessen in der Deutschen Gemeinde ist wie immer: fantastisch. Während unserer Mittagspause spielen wir alle zusammen „Donkey“, ein Kartenspiel, das uns die Äthiopier beigebracht haben. Die Regeln hier aufzuführen würde den Rahmen sprengen. Doch so viel sei verraten: Es lässt sich herrlich dabei lachen. Ein klingelndes Telefon unterbricht den Spielfluss und nach einem kurzen Telefonat setzen wir uns in Bewegung. Unser kleiner Spaziergang führt uns vorbei an Straßenständen, an denen alle heimischen Obstsorten angeboten werden, an Schuhputzern, die auch uns das eine oder andere Angebot machen, an kleinen Läden und Kneipen, an Baustellen, auf denen so viel Staub aufgewirbelt wird, dass man bei jedem Atemzug spüren kann, wie er uns in die Nase kriecht. Und letztendlich vorbei an der imposanten Pforte der Universität von Addis Abeba.

Auf dem Campus befindet sich ein Museum, das sich dem Land Äthiopien und seinen unterschiedlichen Völkern und Bräuchen verschrieben hat. Dass die Räume in denen wir uns befinden einst dem König als Wohnstätte dienten, macht unseren Ausflug nicht weniger eindrucksvoll. Wir wollen alles wissen und unsere äthiopischen Mitmusikanten erzählen uns alles. Mit einer Fülle an Neuem verlassen wir das Museum. Wir haben kennengelernt, wie die Nomaden leben, was es mit dem Ritual „Bullenspringen“ auf sich hat, wie genau eine Kaffeezeremonie abläuft und wie Injiera gemacht wird. Wir sind nach diesem Nachmittag ein weiteres Mal kulturell und menschlich reicher.

Nach dem Abendessen geht zurück in die Yared Music School, wo wir weiter an unserem Programm feilen. Die vorangeschrittene Zeit merkt man dem einen oder anderem an und so kommt es, dass manche Tempi eher in Richtung Autobahnstau als in Richtung „Hummelflug“ tendieren. Doch der Spaß an der Musik, die Freude am Musizieren und das gemeinsame Ziel beflügeln, wodurch am Ende doch alle zufrieden und glücklich mit dem Ergebnis sind.

Eindrucksvoll zeigt sich die angebrochene Nacht mit einem aufziehenden Gewitter, als wir uns auf den Rückweg ins Hotel machen. Gebannt beobachten wir den Himmel, der mehrmals von Blitzen geteilt wird. Wir sind fasziniert und etwas eingeschüchtert zugleich. Die fehlende Dauerbeleuchtung, die man aus europäischen, amerikanischen oder asiatischen Großstädten kennt, macht es möglich, dass wir die Lichtspiele über uns intensiver wahrnehmen. Plötzlich sieht man Farben, die über das stumpfe weiß der bisher bekannten Blitze hinausgeht. Dass in Äthiopien gerade, wenn auch nur die „kleine“, Regenzeit ist, bekommen wir mit Ankunft im Guesthouse zu spüren. Als hätte der Regen darauf gewartet, dass wir im Trockenen sind, bricht er mit Betreten des Ebenezers los. Er wäscht den Staub des Tages aus der Luft, spült die Erde von den Straßen und treibt die Menschen an den trockenen Orten zusammen. Auch wir sitzen im Trockenen zusammen und müssen uns eingestehen, dass wir ein sorgenloses Leben führen. Doch wir wollen helfen und etwas bewirken. Womit geht das besser als mit Musik?

Text: Jan Jarick

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Das Projekt:

Der regelmäßige Austausch zwischen der Musikschule Leipzig „Johann Sebastian Bach“ und dem Young Orchestra der Yared Music School​ ist Teil der Städtepartnerschaft Leipzig – Addis Abeba e.V.​, die sich der Förderung des Miteinanders zwischen beiden Städten verschrieben hat. Unterstützt wird die aktuelle Reise von der LEIPZIGSTIFTUNG. Herzlichen Dank!

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