LEAD OP 2018: Ostern auf Äthiopisch

LEAD OP 2018: Ostern auf Äthiopisch

Etwas ist anders an diesem Morgen: Der äthiopische Karfreitag zeigt sich ruhig. Es herrscht erstaunlich wenig Verkehr, es wird kaum gehupt, was sonst typisch ist, um sich im Wirrwarr der Stadt zurechtzufinden. Kaum fahren die Autos nicht, tauchen die Fahrräder auf. Wir sehen an diesem Morgen mehr Fahrräder als an allen vergangenen Tagen zusammen. Eine kleine Gruppe von Eseln erklärt sich für einen Augenblick zur machthabenden Gruppe auf der Kreuzung vor dem Guesthouse und zieht dann gemeinsam mit ihrem Hirten weiter die Straße hinab.

Es ist Feiertag und dies spürt man deutlich. Die Menschen sind entspannt, sitzen zusammen und geben sich nicht dem sonst recht hektischen Markttreiben hin. Schafe weiden am Straßenrand und schenken uns, in unserem Bus, keinerlei Beachtung. Schon von weitem können wir hören, dass unser Weg uns heute nicht in die Yared School führt. Immer lauter und deutlicher wird ein Singsang, dessen Inhalt wir nicht verstehen, über dessen Religiosität wir uns aber sicher sind. Wir passieren einen steinernen Torbogen und sehen uns einem Meer aus Menschen gegenüber. Fast alle sind in Weiß gekleidet oder tragen weiße Tücher um den Körper gewickelt. In einem immer wiederkehrenden Rhythmus bekreuzigen sie sich, fallen auf die Knie, küssen den Boden und stehen dann wieder auf, nur um diese Prozedur zu wiederholen.

Direkt vor einer Kirche kommen unsere Busse zum Stehen. Die Sonne scheint warm auf den Kirchenvorplatz, der über ein paar Stufen hinauf zum Eingang der Kirche führt. Diese beherbergt eine der äthiopisch-orthodoxen Gemeinden. Die Säulen der Kirche sind mit Mosaiken verziert, der Bau ist insgesamt sehr imposant. Es ist uns erlaubt, die Kirche zu betreten. Alles was wir dafür tun müssen, ist, unsere Schuhe auszuziehen und uns nach Geschlechtern aufzuteilen. Im Inneren der Kirche sehen wir uns am Ende einer unüberschaubaren Masse an Gläubigen gegenüber, die uns, wenn nur kurz, anschauen, bevor sie sich wieder ihren Gebeten hingeben. Es scheint paradox, dass wir Eintritt erhalten, während viele der Anhänger dieser Glaubensrichtung vor dem Kirchentor auf die Knie fallen. Denn ihnen ist der Eintritt verwehrt. Der repetierende Bewegungsablauf wird denen auferlegt, die gesündigt haben. Um sich von diesen zu befreien, legen die Priester eine Anzahl fest, wie oft sich vor Gott verneigt werden muss. In Gesprächen erfahren wir, dass 200 Verneigungen durchaus möglich sind.

Auch wenn uns das Gegenteil gesagt wird, so werden wir doch das Gefühl nicht los zu stören. So machen wir uns auf den Weg zu einem Spaziergang. Dieser führt uns in ein Viertel von Addis, in dem es beinahe ausschließlich Hotels zu geben scheint. Die Nähe zum Flughafen ist hier deutlich zu spüren, die Straßen sind auffällig westlich geprägt. Dominierten gerade noch Hotels das Straßenbild, so ist der nächste Straßenzug von Botschaften geprägt. Malawi, Ecuador und Somalia haben ihre Auslandsvertretungen in den hier bereitgestellten Gebäuden und Villen. Als der Gesang des orthodoxen Priesters wieder lauter wird, finden wir uns von einem Augenblick auf den anderen wieder auf dem Parkplatz der Kirche wieder. Von dort geht es zum Mittagessen in die German Church.

Den freien Nachmittag wollen wir nutzen, um dem Goethe-Institut einen Besuch abzustatten, müssen dort angekommen aber feststellen, dass dessen Mitarbeiter Osterferien haben.

Also entscheiden wir uns dazu, noch etwas durch die ruhigen Seitenstraßen der äthiopischen Hauptstadt zu schlendern. Wir kommen vorbei an Eukalyptushainen, an Blüten und Früchten, die an Sträuchern und Bäumen hängen, deren Namen wir wohl nie erfahren werden. Zwischen den Hütten aus Lehm und Wellblech, die den Straßenrand säumen und sich in die Berghänge schmiegen, suchen Hühner nach Futter, grasen Ziegen oder dösen Katzen und Hunde vor sich hin. Wir saugen die Eindrücke in uns auf und speichern sie ab. So schafft sich jeder sein eigenes, unbestechliches Bild dieses wundervollen Landes.

Der Abend führt uns in die hiesige Adventsgemeinde, deren Chöre zum Osterkonzert geladen haben. Uns beeindruckt neben der Musikalität vor allem auch die Altersspanne der Sänger. Scheint die Jüngste im Kinderchor gerade erst laufen gelernt zu haben, so hat der älteste Bass die 65 Jahre wohl schon lange überschritten. Zwischen den gesanglichen Einlagen wird die Ostergeschichte auf Amharisch erzählt. Der einzigartig weichen Erzählstimme des Vortragenden ist es zu danken, dass wir auch ohne ein einziges Wort zu verstehen, begeistert folgen können. Die Gemeinde singt zusammen, betet, lässt unzählige „Amen“ und „Halleluja“ erschallen und zerstreut sich am Ende des Konzertes munter in das Osterwochenende.

Auch wir machen uns auf den Weg zurück ins Hotel. Als wir dann noch zusammensitzen, kommt uns vor allem der morgendliche Gottesdienst wieder in den Sinn und lädt zu Diskussionen ein. Über ein paar Querverbindungen landen wir bei Gesprächen, die den morgigen Tag fokussieren, denn uns wurde versprochen, dass wir einen Markt besuchen werden. So legen wir uns, etwas aufgeregt, schlafen und sind einmal mehr dankbar für die uns eröffneten Möglichkeiten.

Text: Jan Jarick

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Das Projekt:
Der regelmäßige Austausch zwischen der Musikschule Leipzig „Johann Sebastian Bach“ und dem Young Orchestra der Yared Music School​ ist Teil der Städtepartnerschaft Leipzig – Addis Abeba e.V.​, die sich der Förderung des Miteinanders zwischen beiden Städten verschrieben hat. Unterstützt wird die aktuelle Reise von der LEIPZIGSTIFTUNG. Herzlichen Dank!

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