LEAD OP 2018: Letzter Tag und Abschied

LEAD OP 2018: Letzter Tag und Abschied

Unser letzter Tag in Äthiopien beginnt früher als sonst: Pfarrer Jacobi, der der hiesigen Deutschen Gemeinde vorsteht, hat uns eingeladen, den heutigen Gottesdienst musikalisch zu begleiten. Doch vorher heißt es, frühstücken und auschecken, denn zu unserem Guesthouse werden wir auf dieser Reise nicht mehr zurückkommen. Es erfüllt uns mit Wehmut, da dieser letzte Tag schneller gekommen ist als wir gedacht hätten. Doch den Abschiedsgedanken schieben wir vorerst beiseite.

Ein Gottesdienst, der mit Brahms‘ „Ungarischen Tanz Nr. 5“ beginnt, gehört gewiss zur seltenen Sorte. Und trotzdem wirkt die Vermischung von Predigten, Gemeindegesängen und unseren orchestralen Einwürfen harmonisch.

Dass heute vieles zum letzten Mal geschieht, wird uns auch beim Mittagessen klar. Im Anschluss an dieses bedanken wir uns mit Gershwins „I got Rhythm“ bei den netten Damen aus der Küche der German Church School, die eine ganze Woche lang für unser leibliches Wohl gesorgt und mit ihren Kochkünsten gewiss jeder Kritik getrotzt haben. Musikalisch ist unser Tripp in die äthiopische Hauptstadt damit abgeschlossen, menschlich jedoch noch lange nicht. Wir nutzen den freien Nachmittag, um mit unseren Freunden aus Addis ein letztes Mal Karten zu spielen, ein letztes Mal eine Runde durch die Stadt zu schlendern, ein letztes Mal Kraft von der äthiopischen Sonne zu tanken, ein letztes Mal, um so zu tun, als wären wir morgen immer noch da.

Pfarrer Jacobi stattet uns noch einen kleinen Besuch ab und bedankt sich sehr herzlich für unser Kommen, dafür, was wir hier aufbauen und erreichen wollen. Wir genießen unser Abendbrot und sind uns schnell darüber einig, dass wir nicht in der German Church warten wollen, bis es Zeit wird, zum Flughafen zu fahren. Also machen wir uns auf zu einem letzten Spaziergang durch die fast komplett dunkle Stadt. Der Ostersonntag, als der wichtigste Feiertag der orthodoxen Gemeinden, ist hier deutlich spürbar. Die Straßen sind wie leergefegt, viele Lokale im Begriff zu schließen. An all die in den letzten Tagen am Straßenrand verkauften Schafe und Hühner erinnern nur noch deren Köpfe, die abgetrennt ihren Weg in den Müll oder vor die Haustür finden. Viele Äthiopier verbringen diesen Tag im Kreise der Familie. Die 55-tägige Fastenzeit, die sie hinter sich haben, ist vorbei und nun feiern sie die Wiederauferstehung Jesu Christi.

Als wir noch einmal kurz in die deutsche Gemeinde zurückkehren, rückt der Abschied plötzlich erschreckend nah. Mit voll beladenen Bussen geht es zum Flughafen. Als wir den Studenten der Yared Music School gegenüber stehen und merken, dass wir einmal mehr zusammen gewachsen sind, sind die Tränen, die fließen, geprägt von Freude darüber, dass wir diese einzigartigen, herzlichen, gastfreundlichen und wunderbaren Menschen kennen. Sie sind aber auch geprägt von der Trauer, dass wir nun wieder ans andere Ende der Welt fliegen – zurück in ein Land, das so ganz anders ist als Äthiopien. Ein letztes Mal atmen wir den Duft, der uns die vergangene Woche begleitet hat, der uns immer wieder zugeflüstert hat, dass wir willkommen sind und es immer sein werden. Ein letztes Mal winken wir Menschen, deren Augen uns hinterherrufen, dass sie die gemeinsame Zeit als ebenso wertvoll empfunden haben wie wir.

Während der nächsten drei Stunden, die wir am Flughafen auf unseren Flug warten, hängt zunächst noch jeder seinen Gedanken nach, bevor sich der eine oder andere doch von der Müdigkeit überrumpeln lässt. Dass der Flieger nicht wie geplant um 04:15 Uhr startet, sondern erst 1,5 Stunden später, bekommen die meisten von uns gar nicht mit, da sie mit der Einnahme des Sitzplatzes sofort wieder ins Land der Träume verschwinden. Ein Vorteil der Verspätung in Addis ist auch, dass wir keine drei Stunden Wartezeit in Kairo haben, sondern direkt ins Flugzeug nach Frankfurt steigen können. Unser zweiter Flug vergeht ohne weitere Zwischenfälle und so landen wir bei milden 20 Grad Außentemperatur unversehrt in Deutschland.

Der Zug bringt uns zurück nach Leipzig. Er bringt uns zurück in unser Leben, in ein Leben, in dem Ostern schon über eine Woche her ist, zurück in ein Leben mit Schule, Beruf, Studium oder Ausbildung. Er bringt uns zurück zu unseren Freunden und Familien. Was er uns nicht zurückbringen kann, ist die Ausstrahlung der Stadt, deren Gäste wir für die letzten acht Tage sein durften. Er kann uns nicht die Momente zurückbringen, die wir gemeinsam mit unseren äthiopischen Freunden erlebt haben, die Tage und Abende, das Lachen, die freundschaftlichen Gesten, die Musik. Doch das verlangen wir auch nicht. Denn es ist ein Zug, der eine Strecke mit unterschiedlichsten Stationen fährt und auch nicht mitten auf der Fahrt wendet. Unsere Station Addis Abeba 2018 haben wir hinter uns gelassen.
Doch jeder Zug hat auch ein Ziel, einen Bahnhof, in den er einfährt. Und wir sind uns sicher, dass wir in diesem Jahr die Musiker der Yared Music School wiedersehen werden. Bis dahin hat jede Minute, die wir in Addis leben und erleben durften, für immer einen Platz in unserem Herzen.

Text: Jan Jarick

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Das Projekt:
Der regelmäßige Austausch zwischen der Musikschule Leipzig „Johann Sebastian Bach“ und dem Young Orchestra der Yared Music School​ ist Teil der Städtepartnerschaft Leipzig – Addis Abeba e.V.​, die sich der Förderung des Miteinanders zwischen beiden Städten verschrieben hat. Unterstützt wird die aktuelle Reise von der LEIPZIGSTIFTUNG. Herzlichen Dank!

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